Wird China zum Technologieführer?

Wird China zum Technologieführer?

11. September 2025 0 Von Dr. Frauke Hewer

Die globale Automobilindustrie befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt, da China zunehmend zum Technologieführer wird und europäische Länder sowie die USA unter erheblichen Druck geraten. Dies geht aus der neuesten Ausgabe des Automotive Disruption Radar (ADR 14) von Roland Berger hervor, der passend zum Start der IAA in München erschienen ist. Die Studie, die 22 Automobilnationen anhand von 26 Indikatoren analysiert und über 22.000 Autobesitzer befragt hat, zeigt zudem eine rasante Auseinanderentwicklung regionaler Ökosysteme, insbesondere zwischen China und dem Rest der Welt.

China dominiert Schlüsselbereiche als Technologieführer

„Die Transformation der Automobilindustrie ist in vollem Gang, aber sie läuft nicht weltweit im Gleichschritt“, sagt Wolfgang Bernhart, Partner bei Roland Berger. Er betont, dass China mit hohem Tempo vorlegt und inzwischen alle Schlüsselbereiche der Automobilindustrie dominiert – vom Marktanteil der Elektroautos über die Ladeinfrastruktur bis hin zu KI-basierten Fahrerassistenzsystemen. Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Entwicklungsgeschwindigkeit: Chinesische Hersteller bringen neue Fahrzeuge innerhalb von 24 bis 40 Monaten auf den Markt, während europäische Hersteller hierfür 48 bis 60 Monate benötigen. „Daher fällt Europa zurück“, so Bernhart.

Im Ranking des ADR 14 setzt sich China deutlich von seinen Verfolgern ab, insbesondere durch Bestwerte bei Technologie und Infrastruktur, was die führende Position des Landes in der Elektromobilität und beim autonomen Fahren unterstreicht. Das ausgeprägte Interesse der chinesischen Verbraucher an Elektrofahrzeugen ist bemerkenswert: 95 Prozent planen beim nächsten Autokauf einen Elektroantrieb. Der Elektroanteil an den Neuwagenverkäufen in China ist von 22 auf 25 Prozent gestiegen.

Europa und USA verlieren an Boden

Während China voranschreitet, stagniert der Elektroanteil in Europa bei 12 Prozent. In Deutschland ist das Interesse am Kauf eines E-Autos sogar rückläufig und sank von 55 Prozent im Jahr 2021 auf 45 Prozent im aktuellen ADR.

Der wichtige Automarkt USA ist auf Platz 14 abgerutsch. Gründe hierfür sind ein rückläufiges Interesse der Verbraucher an neuen Technologien und Konzepten wie Shared Mobility, eine zunehmende Isolation durch politische Unsicherheiten sowie eine abnehmende Innovationsdynamik im Mobilitätsbereich. In den USA, wie auch in anderen reifen Märkten wie Deutschland, Japan oder China, ist zudem ein Trend zurück zum Privatfahrzeug zu beobachten.

Deutschlands stabiler Platz in der Spitzengruppe

Hinter China als Technologieführer bildet eine Spitzengruppe, bestehend aus Südkorea, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und Singapur. Deutschland folgt knapp dahinter auf Platz 7. Trotz der Rückschritte bei den E-Auto-Verkaufszahlen punktet Deutschland mit effizienten und schnellen Zulassungsverfahren für autonome Fahrfunktionen, einer weiterhin hohen Patentaktivität und global exportstarken Herstellern. Allerdings sinkt auch hierzulande das Interesse an Shared Mobility und anderen innovativen Konzepten wie digitalen Angeboten für den Autokauf, wobei sowohl Anbieter als auch Kunden zurückhaltend sind.

Regionale Divergenz fordert Hersteller heraus

Die Roland Berger-Experten legen im aktuellen ADR ein besonderes Augenmerk auf die wachsende Divergenz zwischen den Automärkten weltweit. „Vor allem bei Software, Standards und Entwicklungsgeschwindigkeit, aber auch bei den Erwartungen der Kunden beobachten wir, dass die verschiedenen Regionen zunehmend unterschiedliche Wege einschlagen“, erklärt Stefan Riederle, Partner bei Roland Berger. Obwohl eine vollständige Entkopplung der Fahrzeugarchitekturen aus wirtschaftlichen Gründen als unwahrscheinlich gilt, empfiehlt Riederle den Autoherstellern dringend, diese Entwicklung in ihren Planungen zu berücksichtigen. „Es wird zur Überlebensfrage, strategische Allianzen, Softwarekompetenz und die Anpassung an die Unterschiede der Märkte miteinander zu verbinden. Autohersteller müssen künftig zumindest mit zwei Systemen arbeiten: einem für China, einem für den Rest der Welt.“

Foto mit Hilfe von KI generiert

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