Unternehmen in Deutschland sind auf Risiken schlecht vorbereitet

Unternehmen in Deutschland sind auf Risiken schlecht vorbereitet

20. November 2020 0 Von Dr. Frauke Hewer

Die Corona-Pandemie hat unser Leben auf den Kopf gestellt. Und uns gezeigt, dass Lieferketten verletzlich sind. Dabei könnten Unternehmen auf eine solche Situation vorbereitet sein. Mit dem richtigen Risikomanagement. Professor Dr. Michael Huth vom Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Fulda hat untersucht, ob das der Fall ist. Die Antwort ist nicht schmeichelhaft für die Unternehmen.

Webcams sind ausverkauft, Medikamente können nicht geliefert werden und die medizinische Versorgung strauchelt: Wie leicht sich unsere Lieferketten empfindlich treffen lassen, wenn die Welt in eine Krise gerät, wurde in den vergangenen Monaten an vielen Stellen sichtbar. Professor Dr. Michael Huth ist spezialisiert auf Supply-Chain- und Risikomanagement. Gemeinsam mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) hat er Anfang November die Studie zur BME-Logistikumfrage 2020 herausgegeben. Darin wurden Unternehmen deutschlandweit befragt, wie gut sie auf Krisen wie die derzeitige Pandemie vorbereitet sind.

Unternehmen vernachlässigen das Risikomanagement

Das Ergebnis: Risikomanagement wird in vielen Unternehmen systematisch vernachlässigt. „Das Mindset, also die Kultur für Risikomanagement, ist in Unternehmen oftmals nicht vorhanden“, sagt Professor Dr. Michael Huth. „Auch wenn Risikomanagement gesetzlich vorgeschrieben ist, sagt das nichts darüber aus, in welchem Ausmaß es betrieben wird. Man kann mit sehr wenigen Aktivitäten die regulatorischen Anforderungen erfüllen.“ Das führe dazu, dass die Unternehmen im Ernstfall wie im Frühjahr des Jahres nur noch reagieren statt proaktiv handeln können. „Dieses reaktive Verhalten erfordert Feuerwehreinsätze, die in der Regel mit einem hohen personellen und finanziellen Aufwand einhergehen“, erklärt Huth. „Wenn ich vorbereitet bin, habe ich möglicherweise ein Extralager. Ich habe einen zweiten Lieferanten. Ich habe einen Workflow und kann bedacht handeln.“

Die Gründe für das mangelnde Risikomanagement: „Unternehmen sehen die Extrakosten: Personalaufwand, größere Lagerbestände. Im Idealfall sind das Posten ohne direkten Nutzen. Diese wollen sie vermeiden, denn sie stehen im Widerspruch zu der Entwicklung, die wir in den vergangenen Jahren beobachten, nämlich dem Wunsch, die Wertschöpfungsketten so schlank wie möglich zu halten.“

Details zur Studie und den Wert eines durchdachten Risikomanagements erläutert Professor Dr. Michael Huth auch im Forschungspodcast der Hochschule Fulda „Gesprächsstoff“.

Effizienz ist nicht King

Doch die Effizienzmaximierung habe Grenzen. Werden die überschritten, positionieren sich Unternehmer unmittelbar in der Kette der fallenden Dominosteine, wenn es zu Lieferschwierigkeiten kommt. Lean Management und der Fokus auf Single Sourcing würden im Ernstfall zu Fallstricken.

Die Covid-19-Pandemie treffe die Welt zweifelslos hart. Aber es sei eine Situation, auf die sich Unternehmen hätten vorbereiten können:

„Tatsächlich gab es in den vergangenen 20 Jahren fünf oder sechs globale Pandemien.“

Professor Dr. Michael Huth

Im Jahr 2012 sei sogar eine Risikoanalyse der Bundesregierung durchgeführt worden, die eine solche Pandemie zur Grundlage nahm. „Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, sieht man doch eine große Deckung zwischen dem, was wir im Moment erleben und dem, was damals erarbeitet wurde.“ Die Lücke zwischen dem vorhandenen Wissen und der tatsächlichen Umsetzung sei nach wie vor groß.

Risiken identifizieren

Die Studie gebe daher umfassende Handlungsempfehlungen. „Der erste Schritt ist simpel: ein Risikomanagement einzuführen.“ Der zweite Schritt beziehe sich auf das Wie, also die konkreten Methoden. „Das können ganz einfache Methoden sein wie eine Checkliste zur Risikoidentifikation. Deutlich komplexer sind Simulationsmethoden, mit denen ich komplexe Systeme wie eine Supply Chain durchspiele. Die Ergebnisse einer solchen Simulation tragen dazu bei, die Risiken bewerten zu können.“

Huth verweist dafür auch auf den bereits 2016 entwickelten Methodenkoffer und plädiert dafür, die Pandemie als Weckruf zu verstehen. Den Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft auszubauen, sei eine Chance, die sich aus der Krise ergebe: „Jetzt ist es an der Zeit, zu handeln.“ Weitere Infos zum Methodenkoffer gibt es hier.

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