Automobilindustrie: Fusionen und Übernahmen sind an der Tagesordnung

Automobilindustrie: Fusionen und Übernahmen sind an der Tagesordnung

21. April 2021 0 Von Dr. Frauke Hewer

Dass die Automobilbranche im Umbruch ist, ist eine Tatsache. Elektromobilität, Digitalisierung und autonomes Fahren sorgen dafür, dass so ziemlich alles in Frage gestellt werden muss. In der Automobilindustrie finden deshalb vermehrt Fusionen und Übernahmen statt. Das ist nötig, damit die Unternehmen gut für die Zukunft aufgestellt sind.

Schließlich muss die Automobilindustrie jetzt einen wahrhaft disruptiven Wandel bewältigen. Auch deshalb ist das Volumen strategischer M&A-Deals, also von Fusionen und Übernahmen, im Automobilsektor innerhalb von fünf Jahren auf 75 Milliarden US-Dollar gestiegen. Es hat sich damit mehr als verdoppelt. In ihrer Studie „M&A: Die unterschätzte Kernkompetenz im Automobilgeschäft“ analysiert die internationale Unternehmensberatung Bain & Company das weltweite Fusions- und Übernahmegeschehen und zeigt auf, wie Hersteller und Zulieferer das volle Potenzial von Zukäufen heben können.

Immer mehr und immer teurere Übernahmen

Von 2015 bis 2019 ist die Zahl der Deals mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen US-Dollar laut Bain-Analyse um 40 Prozent auf 54 gestiegen. Im selben Zeitraum erhöhte sich das durchschnittliche Transaktionsvolumen um rund 50 Prozent auf 1,4 Milliarden US-Dollar. Das Corona-Jahr 2020 hat die Automobilindustrie zwischenzeitlich gebremst, untätig aber blieb sie nicht: Es kam zu 35 Deals in einer Größenordnung von insgesamt 25,8 Milliarden US-Dollar.

Drei Viertel davon entfielen auf sogenannte Scope-Deals, bei denen Käufer ihr Portfolio erweitern, Kompetenzen erwerben oder in neue Geschäftsfelder einsteigen. Die restlichen M&A-Transaktionen waren Scale-Deals und zielten damit primär auf Skalen- und Kostenvorteile ab. Deren Anteil hatte vier Jahre zuvor noch bei zwei Dritteln gelegen.

„Die 2020er-Jahre werden für die Automobilindustrie ganz im Zeichen der disruptiven Veränderungen stehen. Für Hersteller wie Zulieferer sind Zukäufe eine Möglichkeit, die Innovationsgeschwindigkeit zu erhöhen und Hard- sowie Softwarekompetenzen zügig zu erweitern. Die Konsolidierung der Automobilindustrie wird zweifelsohne weitergehen.“

Dr. Klaus Stricker, Bain-Partner und Co-Leiter der globalen Praxisgruppe Automobilindustrie und Mobilität

Übernahmen: es gibt noch Potenzial

Gemessen an anderen Branchen nehmen sich die M&A-Aktivitäten in der Automobilindustrie allerdings noch eher bescheiden aus. Die Gesundheitsbranche verzeichnete in den Jahren 2015 bis 2019 fast viermal so viele Fusionen und Übernahmen, die Computer- und Elektronikindustrie kam sogar auf das Sechsfache. Gerade die schnelllebige Hightech-Branche kann Fahrzeugherstellern und Zulieferern als Vorbild dienen – zumal sich die Geschäftsmodelle aufgrund des zunehmenden Hard- und Softwareeinsatzes in der Automobilindustrie angleichen.

Für kapitalkräftige Unternehmen könnten die Voraussetzungen derzeit kaum besser sein, um vermehrt zu akquirieren. Denn Krisenzeiten dämpfen in der Regel die Erwartungen von Verkäufern. Zudem ist vielerorts die Kapitaldecke angespannt. Von Mitte 2019 bis Mitte 2020 sank beispielsweise die Eigenkapitalquote europäischer Zulieferer um 9 Prozentpunkte und die der US-Wettbewerber sogar um 16 Prozentpunkte. Vor diesem Hintergrund stellt Dominik Foucar, Associate Partner bei Bain und Leiter der Praxisgruppe Automobilzulieferer für die DACH-Region, fest: „Im Jahr 2021 dürfte es vermehrt zu kleineren Übernahmen kommen. Deshalb wird die Zahl der M&A-Deals auch wieder steigen – so wie es vor der Corona-Pandemie war.“

Kompetenzen sollte man ausbauen

Automobilhersteller und Zulieferer können ihre Chancen am Markt nur nutzen, wenn sie über die passenden Strukturen und Prozesse verfügen. Im Rahmen der Bain-Studie werden die fünf entscheidenden Stellhebel aufgezeigt, mit denen sich das volle Potenzial von M&A-Transaktionen heben lässt:

  1. Strategische Einbettung von M&A. Übernahmen und Kooperationen werden zu einem integralen Bestandteil der Unternehmensstrategie und entsprechend in der Organisation verankert.
  2. Schnelle M&A-Prozesse. Geschwindigkeit tut not, wollen Automobilhersteller und Zulieferer vielversprechende Kandidaten der Hightech-Branche an Bord holen und Übernahmen rasch zum Erfolg führen.
  3. Erweiterter Dealfokus. Angesichts des disruptiven Wandels in der Automobil- und Mobilitätsbranche ist es unerlässlich, sich mit Unternehmen jenseits des bisherigen Kerngeschäfts zu beschäftigen.
  4. Verbesserte Post-Merger-Integration. Gerade bei der Übernahme von Technologiespezialisten ist Fingerspitzengefühl gefragt, was auch bedeuten kann, dass zugekaufte Firmen zunächst unabhängig bleiben.
  5. Monetarisierung des Mehrwerts. Ansatzpunkte hierfür können sich über das jeweilige Produkt hinaus bei der Vermarktung des geistigen Eigentums oder durch die Nutzung des Geschäftsmodells des akquirierten Unternehmens ergeben.

„Automobilhersteller und Zulieferer sollten ihr Know-how und ihre Fähigkeiten in puncto M&A unverzüglich ausbauen, denn nur so können sie eine aktive Rolle bei der Konsolidierung übernehmen, in ihrem Kerngeschäft expandieren und in neue Geschäftsfelder vorstoßen“, resümiert Branchenkenner Stricker. „Wurde die Bedeutung von Fusionen und Übernahmen in der Vergangenheit auch unterschätzt, jetzt werden M&As zur strategischen Kernkompetenz, um im Wettbewerb ganz vorne mit dabei sein zu können.“

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