Die deutsche Industrie am Wendepunkt

Die deutsche Industrie am Wendepunkt

20. März 2024 0 Von Jürgen Rinn

Der Wettbewerbsindex der deutschen Industrie 2024 zeigt: die deutsche Industrie steht an einem Wendepunkt. Ein Drittel der befragten Entscheider erwartet, dass sich ihre internationale Wettbewerbsposition im Jahr 2024 weiter verschlechtern wird. Zudem werde der Standort Deutschland zur Belastung. Denn Fachkräftemangel, schwache Konjunktur, Preis- und Zinsentwicklung sowie Energiepolitik sind die größten Herausforderungen. Die Studie zeigt Handlungsbedarf für Unternehmen und politische Entscheidungsträger auf, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie zu stärken.

Deutsche Industrie im Focus internationaler Wettbewerbsfähigkeit

In Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Managementforschung (DGMF) initiiert Alvarez & Marsal (A&M), ein weltweit führendes Beratungsunternehmen, den Wettbewerbsindex der deutschen Industrie 2024. Die Ergebnisse der Studie belegen, dass sich die deutsche Industrie an einem kritischen Wendepunkt befindet und die Unternehmen mit zunehmenden Belastungen konfrontiert sind, die ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit erheblich gefährden.

Die Industrie spielt eine herausragende Rolle für Wachstum und Wohlstand in Deutschland. Sie bietet acht Millionen Menschen hochqualifizierte Arbeitsplätze und treibt mit ihren Investitionen in Forschung und Entwicklung wichtige Innovationen voran. Dank seiner industriellen Stärke ist Deutschland nach China und den USA die führende Exportnation. Die globale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen ist die zwingende Voraussetzung für diese Exportstärke und damit für Wachstum und Wohlstand in Deutschland.

Wettbewerbsindex zeigt Handlungsbedarf auf

Ziel des Wettbewerbsindex soll sein, den Status quo und die Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industrieunternehmen im globalen Wettbewerb sowie deren wesentliche Einflussfaktoren transparent zu machen, um Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsposition abzuleiten. Insgesamt 230 Entscheider aus deutschen Unternehmen nahmen zwischen September und Dezember 2023 an persönlichen Interviews teil. Im Mittelpunkt der Befragung standen die Beurteilung des Standorts Deutschland, die aktuelle Einschätzung und Prognose der Wettbewerbsfähigkeit der Industrieunternehmen sowie die Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsposition.

Deutsche Industrie steht am Wendepunkt
Deutsche Industrie steht am Wendepunkt

Wichtige Ergebnisse des Wettbewerbsindex deutsche Industrie 2024

  • Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie steht an einem kritischen Wendepunkt – die Indexbefragung lässt eine Schwächung der globalen Wettbewerbsposition erwarten. So erwarten 31 Prozent der Unternehmen eine Verschlechterung ihrer Wettbewerbsfähigkeit.
  • Beim belasteten Standort Deutschland können die Unternehmen sich nicht von der sinkenden Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nicht abkoppeln. 40 Prozent erwarten eine weitere Schwächung des Standorts Deutschland.
  • Die Industrie setzt auf eine umfassende Optimierung der Geschäftsmodelle, um die Wettbewerbsfähigkeit wieder zu stärken. Hier steht die Standortfrage zunehmend auf der Tagesordnung. Ein Drittel (33%) der Unternehmen halten Produktionsverlagerung ins Ausland für wichtig.
  • Auch die umfassende Transformation von Geschäftsmodellen und der Portfolios wird von der Industrie vorangetrieben. 60 Prozent der Unternehmen räumen dem nachhaltigen Umbau ihrer Unternehmen hohe Priorität ein.

„Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie ist an einem kritischen Wendepunkt. Damit sie global auch in Zukunft eine führende Rolle spielen kann, braucht es eine gestärkte Veränderungsbereitschaft, vor allem bei Fragen der Digitalisierung, Kostenstrukturen und Standortfaktoren.“

Patrick Siebert, Managing Director, Co-Head Deutschland sowie Co-Head European Corporate Transformation bei Alvarez & Marsal

Dem fügt Philipp Ostermeier, Managing Director und Co-Lead Corporate Transformation bei Alvarez & Marsal, hinzu: „Im Kampf um die globale Wettbewerbsfähigkeit wird der Faktor Zeit immer wichtiger. Unternehmen haben dies erkannt und planen im Jahr 2024 mit massiven Transformationen. Die Politik muss nachziehen und jetzt Rahmenbedingungen schaffen, die den Standort Deutschland nachhaltig wettbewerbsfähig und planungssicher machen.“

Jedes zehnte europäische Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten

Der halbjährlich erscheinende Alvarez & Marsal Distress Alert (ADA) des Beratungsunternehmens Alvarez & Marsal (A&M) zeichnet zusätzlich ein besorgniserregendes Bild der europäischen Unternehmenslandschaft. Die Analyse zeigt, dass die finanzielle Notlage von Unternehmen auf den höchsten Stand seit Beginn der Pandemie gestiegen ist. Fast jedes zehnte Unternehmen (9,8%) befindet sich in Schwierigkeiten, ein Anstieg von zehn Prozent seit 2021. Der ADA verdeutlicht zudem einen Anstieg der Unternehmen mit schwacher Leistung um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Hauptursachen dafür sind die Auswirkungen der Inflation, die zu höheren Löhnen und Energiekosten führt, sowie die nachlassende Verbrauchernachfrage. Deutschland wird hier als am meisten belasteter Markt in Europa identifiziert.

Denn deutsche Unternehmen verzeichnen mit 15 Prozent den höchsten Anstieg an finanziellen Notlagen in Europa. Die schwache Geschäftsentwicklung spielt eine größere Rolle als zuvor bei der Verschärfung des Ausmaßes der finanziellen Schwierigkeiten, da die Unternehmen mit den Auswirkungen der Inflation, sinkenden Gewinnen aufgrund steigender Betriebskosten, höheren Arbeits- und Energiekosten und einer nachlassenden Verbrauchernachfrage konfrontiert sind.

Foto: Autoren-Union Mobilität/Mercedes-Benz

Grafik: Alvarez & Marsal


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